Sonettenkranz

Wechsel

Sonettenkranz

 

1

Die Luft so weich, ich wand´re unter Bäumen,

der Schmerz entflieht, erhebt sich in die Lüfte.

Gar hundertfach umweh´n mich süße Düfte,

möcht keinen einz´gen Augenblick versäumen.

 

Nur einmal nicht an all die Enge denken,

an meine Stadt mit ihren dunklen Gassen,

an dich mein Lieb, der du mich einst verlassen.

Der Tag, er soll mir heut sein Lachen schenken.

 

Ins Unbekannte lenk ich meine Schritte,

reiß dich heraus aus meiner Herzensmitte.

Mach mich gefasst auf eine lange Reise.

 

Vergess die Zeit mit all den Sorgenstunden,

möcht diese Welt allein für mich erkunden.

Genieß den Tag auf meine eig´ne Weise.

 

2

Genieß den Tag auf meine eig´ne Weise.

Hör zu wie Amseln um die Wette singen,

seh Drosseln die sich in die Lüfte schwingen,

lausch dem Gebalze einer kleinen Meise.

 

Und schon erscheint die Sonne noch viel heller,

die Welt erstrahlt in ganz besond´rem Glanze.

Und reicht gar beide Hände mir zum Tanze.

Mein Herz, es pocht ganz laut und schlägt viel schneller.

 

Bienen summen ihre Sommermelodien,

pfeif ein Lied  und schöpfe neue Energien.

So tanze ich und drehe mich im Kreise.

 

Ein Du und Ich im Spiegel,  der erblindet,

das Wir vom fernen Gestern, es verschwindet.

Der Alltagslärm verweht und wird ganz leise.

 

3

Der Alltagslärm verweht und wird ganz leise,

spür die Gefühle,  wie sie sich erheben,

voll Dankbarkeit für dieses neue Leben.

Steh wie der Frühling auf,  aus kaltem Eise.

 

Befreie mich von allen alten Lasten

von all den Zweifeln, die an mir so nagen

von allen Schuldgefühlen, die mich plagen.

Von allem Eilen und von allem Hasten.

 

Gelöst ist, was in Kerkern einst gefangen,

der Ruf der Freiheit schürt noch das Verlangen.

Vom Glück betrunken will ich überschäumen.

 

Füll mir mit Blüten meine leeren Taschen,

werd ab und zu von ihrem Nektar naschen.

Die Welt um mich herum lädt ein zu träumen.

 

4

Die Welt um mich herum lädt ein zu träumen.

Leg mich ins Gras und lass die Seele baumeln,

das Weit des Horizontes lässt mich taumeln.

Verlier mich in den blauen Himmelsräumen.

 

Lass meine Sehnsucht in die Ferne schweifen,

dorthin wo Küsse im Verborg´nen blühen,

zwei einig Körper vor Verlangen glühen

und wo Verliebte nach den Sternen greifen.

 

Möcht Flügel haben und sie jetzt entfalten,

die seichte Träumerei noch in mir halten.

Ich denk an dich und weiß, du kommst nie wieder.

 

Ach könnt ich dich, nur einmal noch, umarmen.

Der Himmel über mir kennt kein Erbarmen,

ein Wind kommt auf und Regen rauscht hernieder.

 

5

Ein Wind kommt auf und Regen rauscht hernieder.

Die Welt wirkt plötzlich trübe und verschwommen,

als sei das Böse über sie gekommen.

In mir ertönen nur noch Klagelieder.

 

Aus schwarzen Wolken formen sich Figuren,

die lautlos sich zu Schreckgebilden türmen,

mit Urgewalt das Himmelszelt erstürmen

und sie verwischen alle meine Spuren.

 

Es ist als würd die ganze Welt ertrinken,

in einem Meer aus Traurigkeit versinken.

Mit aller Macht will sie mir Schatten zeigen,

 

die nach mir greifen, mich zu Boden ziehen.

Es ist zu spät dem Allen zu entfliehen.

Bedrohlich kriechen Nebel aus den Zweigen.

 

6

Bedrohlich kriechen Nebel aus den Zweigen.

Er wabert grau und schwer, will sich nicht setzen.

Das letzte Licht verliert sich in den Fetzen

und bringt das Du, das Wir in mir, zum Schweigen.

 

Die Bilder, die ich in mir trag, verblassen.

Mir ist, als ob die Nebel mein Begehren,

dir nah zu sein, durch dichtes Grau verwehren,

und mich mit meinem Schmerz alleine lassen.

 

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben,

denn Helles ist mit Dunklem stets verwoben.

Am Firmament entsteht ein Todesreigen.

 

Steh mittendrin in diesen Turbulenzen,

der Sturm, entfesselt nun, kennt keine Grenzen.

Verschwunden ist der Klang der Himmelsgeigen.

 

7

Verschwunden ist der Klang der Himmelsgeigen.

Hör nur noch laute Töne, tiefes Grollen,

die nichts und niemandem mehr Achtung zollen

und bis in ungeahnte Höhen steigen.

 

Das Tosen gewinnt immer mehr an Stärke.

Der Dirigent hat seinen Stab verloren,

hat and´re  Mächte dazu auserkoren.

Fast infernalisch tönen nun die Werke.

 

Seh auf den Bäumen, zwischen grellen Blitzen,

eng beieinander, Sängerknaben sitzen.

Ein schwarzer Rabe putzt sich sein Gefieder.

 

Möcht mich so gern in deine Arme schmiegen,

mit dir im Schutz der alten Bäume liegen.

Mit jedem Blitz zuckt Angst durch meine Glieder.

 

8

Mit jedem Blitz zuckt Angst durch meine Glieder,

möcht nur noch eins, der Gruselwelt entrinnen.

Ich kann dem Ganzen hier nichts abgewinnen,

mir schaudert´s und ich schließe meine Lider.

 

Spür deinen Atem plötzlich, deine Hände,

auf meiner Haut, als wärst du nie gegangen

und Hitze taucht in zartes Rot die Wangen.

Fast so, als ob ich mich bei dir befände.

 

Und Stimmen flüstern Glück aus fernen Tagen,

ich bin ganz still, um sie nicht fortzujagen.

Bin ihren Klängen ganz und gar erlegen.

 

Jetzt spür ich auch Erkenntnis in mir reifen

und zögerlich beginn ich zu begreifen,

auf Sonnenschein erfolgt wohl immer Regen.

 

9

Auf Sonnenschein erfolgt wohl immer Regen,

gleichwohl,  wie sich die Jahreszeiten wenden

und alle Sommer stets im Winter enden.

In diesem Kampfe sind wir unterlegen.

 

Die Angst ist im Verstehen eingebunden.

Fühl sie mit jedem Atemzug entweichen,

werd  Mutter Hoffnung beide Hände reichen.

Und merk´, der Regen kühlt bereits die Wunden.

 

Ob irgendwo schon neue Quellen fließen

und aus der Asche grüne Triebe sprießen?

Wer weiß, vielleicht birgt dieser Wechsel Segen.

 

Soll doch der Himmel dieses Füllhorn leeren,

er wird uns dadurch neue Sicht bescheren,

auf welchen Pfaden wir uns auch bewegen.

 

10

Auf welchen Pfaden wir uns auch bewegen,

egal wie stürmisch auch die Winde wehen.

Ich glaube fest, dass wir uns wiedersehen,

ist deine Welt auch noch so abgelegen.

 

Seh  wie sich erste Schimmer Wege bahnen.

Die Wolken bilden eine Silhouette,

mir ist, als ob sie gold´ne Flügel hätte.

Bald ist´s vorbei, man kann es schon erahnen.

 

Was mich noch niederdrückt, ist dieses Wissen,

um diesen ew´gen Schmerz, um das Vermissen

und ich gerate, wie so oft,  ins Schwanken.

 

Ich weiß, dass ich von dir gehalten werde,

wo immer ich auch steh auf dieser Erde.

Auf festem Boden, oder losen Planken.

 

 

11

Auf festem Boden oder losen Planken,

auf großen Brücken oder schmalen Stegen,

ich komme dir mit jedem Schritt entgegen.

Das hilft mir wieder neue Kraft zu tanken.

 

So wie die Sonne kämpft, um zu bestehen,

ich werde mich nicht unterkriegen lassen

und werde neben Freud, den Schmerz belassen.

Die große Kriegerin, kann sie schon sehen.

 

 Behutsam nähert sie sich ihrem Ziele,

 bin ganz vertieft in ihre Himmelsspiele,

und finde fasziniert daran Gefallen.

 

Seh wie die Wolken auseinandertreiben,

bis nur noch endlos blaue Weiten bleiben.

Mag sein, dass schon die ersten Blätter fallen.

 

12

Mag sein, dass schon die ersten Blätter fallen.

Auch wenn ich dich, mein Liebstes,  hab verloren,

fühl mich erquickt und wieder neu geboren

und spüre wie sich neue Kräfte ballen.

 

Ganz tief in mir, vernehme ich dein Lachen.

Es ist,  als würde es den Schmerz bezwingen

und pure Lebensfreude mit sich bringen.

Um mich herum scheint alles zu erwachen.

 

Ein Regenbogen bildet das Finale,

auf Blättern glänzen Tropfen wie Opale.

Ein Glitzermeer aus tausenden Kristallen.

 

Zeigt dieser Tag auch wechselhafte Seiten,

geprägt von guten und auch schlechten Zeiten,

für mich ist es der schönste Tag von allen.

 

13

Für mich ist es der schönste Tag von allen,

dir wollt ich flieh´n, doch kann ich nicht verhehlen,

wo ich auch bin, du wirst mir immer fehlen.

Die Sehnsucht kommt und geht in Intervallen.

 

Die Vögel auf den Ästen werden munter.

Sie pfeifen, zwitschern und sie tirilieren,

als ob sie mit der Sonne kokettieren.

Mehr als zuvor wirkt diese Welt mir bunter.

 

Die Seele badet in den Farbpalletten,

hat sich gelöst von schweren Eisenketten.

Nur diesem Tag hat sie es zu verdanken.

 

Ein Adler kreist, wo Sonnenstrahlen blinken,

in diesem Anblick möchte ich versinken.

So frei, so schwerelos, ganz ohne Schranken.

 

14

So frei, so schwerelos, ganz ohne Schranken,

werd ich der Trauer in mir Zeit gewähren,

mit ihren Tränen neues Glück zu nähren.

Und frisches Grün wird sich um´s Gestern ranken.

 

Ich denk an dich und muss dabei nicht weinen.

Beendet sind die Nöte, Herzensqualen,

muss keinen hohen Preis dafür bezahlen.

Der Tag ist schön, ich bin mit mir im Reinen.

 

Am Himmel kann ich deinen Namen lesen.

Die Sonne strahlt, als wäre nichts  gewesen,

als wolle sie die Welt mit Glanz umsäumen.

 

Setz fort die Reise, gehe langsam weiter.

Das Du, das Wir in mir, es stimmt mich heiter.

Die Luft so weich, ich wand´re unter Bäumen.

 

15 Meistersonett

 

Die Luft so weich, ich wand´re unter Bäumen,

genieß den Tag auf meine eig´ne Weise.

Der Alltagslärm verweht und wird ganz leise,

die Welt um mich herum lädt ein zu träumen.

 

Ein Wind kommt auf und Regen rauscht hernieder,

bedrohlich kriechen Nebel aus den Zweigen.

Verschwunden ist der Klang der Himmelsgeigen,

mit jedem Blitz zuckt Angst durch meine Glieder.

 

Auf Sonnenschein erfolgt wohl immer Regen,

auf welchen Pfaden wir uns auch bewegen.

Auf festem Boden, oder losen Planken.

 

Mag sein, dass schon die ersten Blätter fallen,

für mich ist es der schönste Tag von allen.

So frei, so schwerelos, ganz ohne Schranken.

 

 

 

Ein Sonett besteht aus zwei Quartetten und zwei Terzetten. Es ist einer  relativ starren,  äußerlichen Form unterworfen und gehört so zu den klangvollsten Formen in der Lyrik. Verwendet werden pro Zeile, 10 oder 11 Silben, mit männlicher oder weiblicher Kadenz. Für die Quartette benutzt man meistens einen umschließenden Reim, also  ABBA,  CDDC, für die zwei Terzette greift man auf die Reimfolge EEF, GGF zurück. Hierbei kann man aber auch variieren. Wichtig ist, dass die Quartette gleich sind, und auch die Terzette. Das erste Quartett bildet eine These, das zweite eine Antithese. Die zwei Terzette zeigen schlussendlich die Synthese  auf.

Der Sonettenkranz besteht aus 14 Sonetten, die ineinander verwoben sind. Das Folgesonett beginnt jeweils mit der letzten Zeile des vorangestellten Sonetts, bis sich der Kreis schließt.

Den Abschluss bildet das 15. Sonett, das Meistersonett. Es besteht aus allen 14 Endzeilen, genau in der Reihenfolge des Kranzes.

Ich habe durchgängig mit 11 Silben und weiblichen Kadenzen gearbeitet. These, Antithese und Synthese ziehen sich durch das gesamte Werk und nicht durch das einzelne Sonett.