Hüter und Wächter

Hüter und Wächter

Gisbert trat zu. Obwohl einmal gereicht hätte, um den Keramikzwerg zu zerstören, reichte es Gisbert wohl nicht. Eine ungeheure Wut erfasste ihn. Wie ein Berserker trampelte er auf den kläglichen Überresten herum und zerrieb noch das kleinste Scherbenstück unter seinen Schuhen.

Schwer atmend hielt er endlich inne und betrachtete den braunen Staub zu seinen Füßen. Angeekelt wischte er seine Schuhsohlen auf dem Rasen neben  dem Weg ab. Die verbogene kleine Blechlaterne, die mitten im Staub lag, kickte er mit dem rechten Fuß in Richtung der Heckenrosen, die das Rasenstück säumten.

Das hatte gut getan. Morgen sind die anderen dran, dachte er. Soll sich die Alte doch im Grabe umdrehen, ihm war es egal. Er war froh, dass sie endlich tot war.

Sichtlich zufriedener, drehte sich Gisbert zum Haus um und betrachtete es genauer. Ein schönes Erbe, was ihm da in den Schoß gefallen war. Zugegeben, ganz so einfach war es nicht gewesen. Er hatte jede Menge Zeit investiert um die alte Dame zu umgarnen. Bei dem Gedanken daran schüttelte es ihn. Gut, dass es jetzt vorbei war. Die Alte ist tot, die verdammten Zwerge würde er nachher alle verbrennen. Gisbert lachte bei dem Gedanken an das Feuer.

Was hatte der Notar noch gesagt? Alles soll im Sinne der Verstorbenen weitergeführt werden? Na, das kann er sich aber in die Haare schmieren. Abreißen würde er das alte Haus. Und zwar umgehend. Die Altmeyer-Immobiliengesellschaft würde ein halbes Vermögen bezahlen, um an das Grundstück zu gelangen. Dringend benötigt für das neue Einkaufszentrum. Zahlen tanzten vor Gisberts Augen, hohe Zahlen. Sie jagten durch seine Adern und trieben den Puls in die Höhe. So angetrieben kickte Gisbert auf dem Weg zur Eingangstür erneut einen Keramikzwerg Richtung Hecke. Der kleine Kerl landete auf dem Kantstein und zerbrach. Gisbert vermeinte einen wütenden Aufschrei zu hören, wischte aber den Gedanken daran sofort wieder weg. Nichts sollte ihm die Hochstimmung vermiesen.

Er schloss die Tür zum Haus auf und trat in den Flur. Veilchenduft nahm ihm den Atem. Wie er diesen Geruch hasste. Stundenlang hatte er darin aushalten müssen, wenn die alte Dame mal wieder in ihren Erinnerungen badete. Er hatte zugehört, scheinheilig ihr immer wieder Tee nachgegossen. Ein besonderer Tee, den er ihr immer mitgebracht hatte. Sie hatte das Aroma geschätzt. Vanille mit einer kleinen Note Zimt. Und ab und an ein paar Tropfen Digitalis. Aber davon hatte die Alte ja nichts gewusst. Ihre kleineren Herzanfälle hatte sie mit stoischer Gelassenheit ertragen. Das Alter, hatte sie immer wieder gesagt, das Alter holt uns eben alle ein. Auch ihr Hausarzt hatte keinen Grund zur Besorgnis gesehen, nur ein paar Medikamente verschrieben. Medikamente die seinem Plan zu Gute kamen.

Gisbert wanderte durch die unteren Räume bis zur Küche. Nachdenklich blickte er auf den blauen Stuhl, der irgendwie verloren am Küchentisch stand. Dort hatte er immer gesessen. Viermal in der Woche. Und dort hatte er auch immer wieder die Keramikzwerge putzen müssen, während sie ihm all ihre kruden Geschichten darüber erzählt hatte. Dreihundertundzwölf verdammte Zwerge putzen.

Und immer wieder dabei die krächzende Stimme der Alten im Ohr … Er solle aufpassen, keinem der Zwerge dürfe ein Haar gekrümmt werden, Hüter des Hauses, Wächter über ihr Leben, Traditionen, Familienbesitz und so weiter und so weiter…  Geschwätz eben.

Gisberts Magen drehte sich bei den Gedanken um. Doch so plötzlich die Übelkeit auch gekommen war, so schnell verschwand sie wieder als er an das Feuer dachte, in dem alle diese Teufelsdinger verbrennen würden.

Sein Blick fiel nun auf die blaue Küchenbank. Dort war sie gestorben. Vor zwei Wochen, kurz nach dem Tee. Er grinste und schaute sich weiter in der Küche um. Überall gab es kleine Regale, auf denen ein Keramikzwerg neben dem anderen stand. Verstaubt, wie er mit Genugtuung feststellte. Mit einer schnellen Handbewegung wischte er fünf Zwerge von einem der Regale. Dumpf schlugen sie auf den Holzdielen auf und zersprangen. Wieder vermeinte Gisbert Schreie zu hören. Und er fühlte einen bohrenden Blick im Rücken. Panisch drehte er sich um. Nichts. Nur Zwerge auf einem Regal an der Wand. Zwerge mit blauen, roten und grünen Zipfelmützen, deren aufgemalte Augen allerdings alle auf ihn gerichtet waren. Verfluchtes Pack, dachte er. Wochenlang habt ihr mich hier in der Küche mit Blicken gepeinigt. Damit ist jetzt Schluss!

Gisbert verließ wütend die Küche. Sein Weg führte ihn schnurstracks wieder in den Vorgarten des Hauses zurück. Denen würde er es zeigen. Mit mir nicht mehr, murmelte er vor sich hin. Mit mir nicht mehr. Vorsichtig schaute er sich um. Kein guter Platz für ein Feuer hier vorne. Auch wenn die nächsten Häuser einige hundert Meter weiter weg standen, wäre die Gefahr, dass einer der Nachbarn auftauchen könnte, viel zu groß. Er war zwar rechtmäßiger Erbe, aber so ein Feuer könnte dennoch Verdacht erregen. Wer erbt schon ein Haus und verbrennt das halbe Inventar. Inventar, ja, dachte er, das ist wohl für die Alte gewesen. Liebgewonnenes Interieur für sie, Sammelsurium des Grauens für mich.

Einmal hatte er einem der Zwerge heimlich einen Arm abgebrochen. Hach, was hatte er sich innerlich über das Gejammere der Alten lustig gemacht, als sie den Schaden entdeckt hatte. Natürlich hatte er jedwede Beteiligung an dem Frevel weit von sich gewiesen. Zwar hatte sie ihn bei den folgenden Teestunden argwöhnisch beobachtet, aber nach einer Weile schien sie es vergessen zu haben. Ganz bestimmt hat sie es vergessen, dachte er, sonst hätte sie mir niemals alles vermacht. Denn wenn ihr eines im Leben heilig war, dann waren es die Zwerge in diesem Haus. Und nur darum wollte er sie vernichten. Und aus Rache, weil er sie als ebenso heilig ansehen musste, damit die Alte ihm das Haus vererbt. Wer huldigt schon gerne Keramikgartenzwergen, der Inbegriff des deutschen Spießertums. Er jedenfalls gehörte nicht dazu.

Nötig war das Ganze nicht, dass wusste er genau. Nach dem Verkauf des Hauses würde eh von der Immobilienfirma das Haus entrümpelt und abgerissen werden. Nein, er brauchte das für sein Seelenheil.

Erneut betrat er das Haus. Wieder schlug ihm der Veilchenduft entgegen. Mit angehaltenem Atem schritt er zur Hintertür und riss sie auf. Siebenundfünfzig Keramikgartenzwerge starrten ihn aus dem Innenhof an. Er holte tief Luft und starrte zurück. Ein flaues Gefühl breitete sich in Gisberts Magen aus. Der Hof war nicht groß und von einer Steinmauer und Nebengebäuden eingegrenzt. Nicht nur im Hof auf dem Pflaster verteilt, auch auf den Mauervorsprüngen standen die Zwerge. Gisbert wurde es bei dem Anblick übel. Plötzlich wirkten die kleinen Blechlaternen und diversen Gartengeräte, wie Schaufeln und Rechen, die die Zwerge in den Händen hielten, wie eine Kriegserklärung auf ihn.

"Krieg, den sollt ihr haben", fluchte er und stapfte entschlossen auf einen der Schuppen zu. Er öffnete die Tür und begann Feuerholz aus dem Schuppen zu tragen. Feinsäuberlich stapelte er Scheit um Scheit mitten im Innenhof auf, bis er genügend zusammen hatte, um ein Feuer anzuzünden.

"Ihr seid zuerst dran", rief er laut und drehte sich dabei genussvoll im Kreis, um ja keinen Zwerg auszulassen. "Dann hole ich mir eure Kameraden aus dem Haus und aus dem Vorgarten. Brennen werdet ihr, lichterloh. Und graue Asche ist das Einzige was noch übrig bleiben wird von euch!"

Er ging zurück in den Schuppen, um nach etwas Benzin zu schauen. Dabei bemerkte er den Hammer. Es war ein großer schwerer Hammer, wie ihn manchmal Bauarbeiter benutzen. Er nahm ihn in die Hand und schwang ihn zur Probe. Das ist ja noch besser, dachte er. Wer weiß, ob das Feuer ausreicht die Zwerge zu zerstören. Und es macht sicherlich noch mehr Spaß. Die Nachbarn werden auch nicht durch den Rauch aufmerksam. Perfekt!

Sich der Anstrengung bewusst, erfasste ihn dennoch eine ungeheure Vorfreude. Er würde sie von eigener Hand zerstören. Grandios.

Gisbert schleppte den schweren Hammer in den Innenhof. Dann schnappte er sich den größten der Zwerge und stellte ihn grinsend vor sich auf den Steinboden.

"Na, zitterst du schon? Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Hat der Herr noch einen Wunsch?" Gisbert lachte und lachte.

"Deinen Tod!", antwortete plötzlich der Zwerg.

Gisbert blieb das Lachen im Hals stecken. Hatte er richtig gehört, oder war das eine Sinnestäuschung, das letzte bisschen Gewissen was sich in ihm regte?

Wieder lachte er laut, fast klang es irre. Er hob den Hammer, und holte mit aller Kraft weit aus. "Das ist für dich, du Brut des Bösen!" Etwas griff nach seinen Beinen.

 

Ein Mitarbeiter der Altmeyer-Immobiliengesellschaft fand den Toten eine Woche später. Eigentlich wollte er sich nur das Grundstück näher ansehen. Verwundert über die offene Vordertür hatte er das Haus betreten und dann auch den Innenhof. Gisbert hatte erschlagen auf dem Steinpflaster mitten im Hof gelegen. Unfall hieß es später, der schwere Hammer sei ihm wohl aus der Hand gerutscht. Was er mit dem Hammer dort wollte, konnte nie geklärt werden. Bis auf einen Stapel aufgeschichtetes Feuerholz und ein paar Dutzend Gartenzwerge war der Hof leer gewesen.

Da Gisbert keinen Erben hinterließ, fiel das Haus samt Inhalt an die Stadt. Die Altmeyer-Immobiliengesellschaft erwarb es rechtmäßig, ließ es abreißen und errichtete ein Einkaufszentrum.

Vorher allerdings beglückte der Inhaber der Immobiliengesellschaft noch seine Frau mit dreihundertfünf Keramikgartenzwergen, die diese liebevoll in und um das Anwesen der Altmeyers verteilte. "Schatz", sagte sie immer mal wieder zu ihm, "Schatz, sie sind alle Hüter und Wächter. Sie hüten das Haus und wachen über unser Leben."