Eva

Eva

Ein wenig verloren stand Gabriel vor dem verwitterten Gartentor. Das Haus war kleiner als in seiner Erinnerung. Eigentlich wollte er niemals wieder zurückkehren. Doch irgendetwas hatte ihn die letzten Wochen in seinen wirren Träumen dazu getrieben. Träume die ihn voller Angst erwachen ließen, Träume an die er sich am nächsten Tag kaum erinnern konnte. Nur dass sie mit dem Haus zutun hatten, wusste er ganz genau.

Der Tag an dem Eva hier hinter den Mauern verschwand, lag in weiter Ferne und manchmal konnte er sich nicht mal mehr an ihr Gesicht erinnern. An solchen Tagen erfasste ihn eine ungeheure Wut auf all die Menschen, die ihm damals keinen Glauben geschenkt hatten. Er wusste, was er gesehen hatte und konnte es nicht begreifen, dass ihm niemand zuhören wollte. Weggelaufen sei sie, wie Teenager es eben manchmal tun, so haben die Menschen aus dem Dorf gesagt und seine Geschichte als Hirngespinst abgetan. Was hatte er nicht alles unternommen, um sie zu überzeugen. Doch nicht mal seine Eltern standen ihm zur Seite. Im Gegenteil, er musste sogar einen Psychologen aufsuchen. So war er mit der Zeit immer stiller geworden, hatte sich zurückgezogen, nie mehr über Eva gesprochen und sobald es ihm möglich war, das Dorf verlassen. Doch vergessen hatte er nicht.

Gabriel gab sich einen Ruck und öffnete das Gartentor. Es waren nur wenige Schritte bis zum Hauseingang. Instinktiv bückte er sich und schob den weißen Stein rechts neben der Türe beiseite. Als wenn seit jenem Tag keine Stunde mehr vergangen war, lag dort wie immer der Hausschlüssel. Er griff danach und mit einer plötzlich aufwallenden wilden Entschlossenheit, öffnete er die Tür. Er hatte muffigen Geruch erwartet, der ihm entgegen strömen würde, so wie es bei lange leerstehenden Häusern immer der Fall war. Doch was seine Nase sofort aufnahm, war ein würzig-blumiger Duft, der ihm fast den Atem nahm. Er versuchte sich zu erinnern, wie lange das Haus schon nicht mehr bewohnt war. Die letzte Bewohnerin war eine alte Frau gewesen, die bereits einige Zeit vor seiner Geburt verstorben war. Nachkommen hatte sie wohl keine gehabt, und die Dorfgemeinde wollte das Haus auch nicht haben. Es hatte zu viele Gerüchte gegeben, dass die Besitzerin nicht ganz echt im Kopf gewesen war. Es gab auch Geschichten über Morde an ihren Ehemännern, derer sie wohl in ihrer Blütezeit so einige gehabt hatte. Und über allerlei Hexenkram.

Zu Gabriels Jugendzeit war das Haus deshalb  ein geheimnisumwitterter Anziehungspunkt für die Teenager gewesen. Oftmals hatte er sich mit Eva und anderen Jugendlichen zu später Abendstunde in den Garten geschlichen. Ein Lagerfeuer wurde entfacht und mit fortschreitender Nacht wurden die Geschichten um die alte Frau immer schauriger. In das Haus selber waren sie nie eingedrungen. Bis zu jenem Mittsommerabend, als er mit Eva allein im Garten gewesen war und diese unbedingt einen Blick ins Haus werfen wollte. Zuerst hatten sie die geschlossenen Fenster untersucht. Doch die Rollläden waren zu weit heruntergelassen gewesen und ließen keinen Blick ins Innere zu. Eva hatte hier und da gerüttelt und schließlich unter einem Stein neben der Tür einen rostigen Schlüssel gefunden. Ehe es Gabriel verhindern konnte, steckte der Schlüssel schon in der Tür und wurde umgedreht. Die Tür war  mit einem lauten Knarzen sofort aufgesprungen. Was dann geschehen war, stand immer noch lebendig, als wäre es erst eben passiert, vor Gabriels Augen.

Eine knochige Hand hatte Eva am Arm gepackt und in Sekundenschnelle ins Haus gezogen. Die Tür war danach sofort ins Schloss gefallen und Gabriel hatte verdutzt auf das stumpfe Holz gestarrt. Hinter der Tür hatte Eva nach ihm gerufen begleitet von einem keckerndem Lachen. Es hatte gepoltert und gezischt, als ob frisches Holz angezündet wurde. Bis plötzlich jeglicher Laut  einer unheimlichen Stille gewichen war. Gabriel war zuerst wie gelähmt gewesen. Dann hatte stundenlang gegen die Tür gehämmert, war ums Haus gelaufen, hatte an den Rollläden gerüttelt, aber nichts war geschehen. Es war, als ob das Haus Eva verschluckt hätte. Sie tauchte nie wieder auf. Das Haus wurde auf Grund seiner Aussagen durchsucht, aber nachdem niemand etwas Auffälliges gefunden hatte, wurde seine Geschichte einfach als Trauma abgetan.

Nun stand er hier, im kleinen Flur des Hauses, immer noch betäubt von dem Duft, der aus allen Poren des alten Gemäuers zu quellen schien. Gabriel schluckte. An irgendetwas erinnerte ihn der Geruch. Nur woran? Eva, schoss es ihm durch den Kopf. Eva hatte immer diesen Duft in ihren Haaren.

Zögernd blickte sich Gabriel um. Der Flur war bis auf einen hohen Spiegel, der sich in einem antiken goldenen Rahmen befand, vollkommen leer. Der Spiegel zog ihn fast magisch an und ehe Gabriel sich versah, stand er davor und blickte hinein. Doch es war nicht sein Spiegelbild welches ihn anstarrte, sondern der Spiegel zeigte das Abbild einer jungen, außergewöhnlich schönen Frau. Mit strahlend blauen Augen und silberblondem Haar.

Erschrocken wich Gabriel ein wenig zurück, kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Der Spiegel zeigte unverändert das Bild der Schönheit. Der blumige Geruch war stärker geworden und schien aus dem Spiegel zu kommen. Gabriel hob eine Hand und betastete vorsichtig das Bild. Sofort veränderte sich das Antlitz, wurde jünger und jünger.

Gabriel erkannt die Gesichtszüge noch ehe die Gestalt das Teenageralter erreicht hatte. Es war Eva. Seine Gedanken rasten. Eva steckte in dem Spiegel. Er musste sie dort herausholen.

Plötzlich bewegten sich Evas Lippen. " Geh fort ", flüsterte sie. " Leb dein Leben und lass mich hier. Es ist meine Bestimmung dieses Haus zu hüten und sein Geheimnis zu wahren."

Gabriel drückte seine Hand noch intensiver auf das Spiegelbild. " Wie kann ich dich hier lassen", sagte er. "Ich liebte dich damals schon und habe dich nie vergessen."

"Ich weiß darum", antwortete Eva. " Doch es ist dein Schicksal. So wie es meines ist, den dunklen Mächten als Hexe zu dienen. Geh, bevor es für dich zu spät ist."

Evas Bildnis war mit ihren letzten Worten langsam blasser geworden und Gabriel legte nun auch die andere Hand auf den Spiegel, um sie zu halten. Für einen Moment erschien nun wieder die geheimnisvolle Schönheit. Doch dann veränderte sich das Antlitz. Es wurde älter und älter. Und immer hässlicher.

Gabriel schrie auf und ohne nachzudenken schlug er beide Fäuste in den Spiegel. Das Glas zersplitterte unter seinen Schlägen, fiel auf den Boden und ein hässliches Lachen erklang.

Eine knochige Hand schoss aus dem verbliebenen Rahmen hervor und packte Gabriel.

"Du hast sie freigelassen, dass wirst du mit deinem Leben vergelten", hauchte etwas mit stinkendem Atem an sein Ohr. " Von nun an, wirst du der Hüter des Hauses sein und mir dienen."

Während der nächsten Jahre verfiel das Haus zusehends. Modriger Gestank umgab es besonders an den Mittsommerabenden. Gerne hätte der Gemeinderat das Ärgernis abgerissen, doch irgendwann war eine junge Frau, mit strahlend blauen Augen und silberblondem Haar auf dem Amt erschienen und hat sich als Besitzerin des Hauses ausgewiesen. Leben wollte sie dort nicht. Aber an jedem Mittsommerabend sah man sie weinend auf den Stufen vor dem Eingang sitzen, mit einem rostigen Schlüssel in der Hand.