Der Apfelbaum

 

Die Räder drehten durch und der Motor jaulte. John Simmons stieß einen Fluch aus. Seit einer halben Stunde fragte er sich nun schon, welcher Teufel ihn geritten hat hierher zurückzukehren. Eine Antwort fand er nicht. Etwas hatte ihn gedrängt, schon seit zwei Jahren. Er schob die Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Schneeverwehungen machten ein Durchkommen fast unmöglich. Endlich packten die Räder wieder und der schwere Jeep glitt langsam vorwärts. Hinter einer steilen Rechtskurve tauchte die große Toreinfahrt seines Hofes auf. Zehn Jahre, dachte er, zehn lange Jahre. Immer noch erbittert darüber, dass er diesem Gefühl, unbedingt zurückzukommen,  nachgegeben hatte lenkte er den Wagen vor das erleuchtete Haus. Na, wenigstens hatte Böling, sein Nachbar,  Wort gehalten und wie versprochen das Haus ein wenig hergerichtet.

Im Haus roch es muffig und irgendwie säuerlich. Trotz der eisigen Kälte riss Simmons sofort ein Fenster auf. Er atmete tief die Februarluft ein und besah sich den Garten. Trotz der hohen Schneedecke konnte er die Verwilderungen erkennen. Kein Wunder, zehn Jahre sind eine lange Zeit. Hier würde er einiges an Zeit investieren müssen um wieder Ordnung herzustellen. Sein Blick bohrte sich in den alten Apfelbaum. Die kahlen Äste ragten in den Himmel. Drohend, anklagend, er schauderte und wandte sich ab.

So sehr er auch in den nächsten Tagen und Wochen das Haus lüftete, der widerlich, säuerliche Geruch verschwand nicht. Ihn einzuordnen gelang ihm nicht. Manchmal, wenn er besonders stark war, erinnerte er ihn an den Duft reifer Äpfel. Aber daran verbat er sich jeglichen Gedanken. Merkwürdig war nur, dass außer ihm scheinbar niemand den Geruch wahrnahm. Weder die Putzfrau, die er eingestellt hatte, noch sein Nachbar Böning. Dieser schaute ihn nur verwundert an, als er die Sprache darauf brachte.

Die Märzsonne hatte den letzten Schnee vertrieben und das ganze trostlose Ausmaß des Gartens freigelegt. Mittlerweile war er schon Stammgast in der örtlichen Gärtnerei. Langsam nur nahm der Garten wieder Form an. Böning half ihm an den Wochenenden. Mehr Kontakt wollte er nicht, er wusste, dass die meisten ihn argwöhnisch betrachteten und hinter seinem Rücken tuschelten.  Es war ihm egal. Böning war es auch, der ihm von dem Apfelbaum erzählte.

"Der muss gefällt werden, der ist tot. Seit Jahren treibt er aus, aber die Blätter sind gelb und welk, keine Blüten, keine Früchte."

Simmons war leicht irritiert. Der Apfelbaum war damals das Schmuckstück seines Gartens  gewesen. Stets trug er so viele Früchte, dass die Äste sich unter der Last nach unten bogen. Die Äpfel waren köstlich und das Apfelmus, welches seine Frau aus dem Fallobst machte, war in der ganzen Nachbarschaft beliebt gewesen. Sarah, er scheuchte diesen für ihn unangenehmen Gedanken wie eine lästige Fliege fort.

Sie hatte ihn, ihn, der sie über alles liebte, betrogen. Wut kroch in ihm hoch, als er an den Tag dachte, an dem er die Briefe fand, Briefe die nicht für ihn bestimmt waren.  Tags darauf war sie dann verschwunden. Als er die Blicke und Tuscheleien der Nachbarn nicht mehr ertragen konnte, hatte auch er den Hof verlassen. Seither hatte er in Manchester gelebt.

Mehrmals machte er in den nächsten Wochen den Versuch, den Baum zu fällen. Doch jedesmal, wenn er sich mit der Motorsäge dem Baum näherte beschlich ihn ein unerklärliches Angstgefühl. Er war davon überzeugt, dass der Baum ihn anstarrte. Einbildung, alles nur Einbildung, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Schließlich gab er sein Vorhaben auf.

Mittlerweile war es Mai geworden. Der Apfelbaum glänzte mit einer prächtigen grünen Blätterpracht. Über und über mit rosafarbenen Blüten übergossen bot er einen zauberhaften Anblick. Böning zeigte sich erstaunt und stand immer wieder kopfschüttelnd vor diesem "Wunder", wie er es nannte.

John Simmons machte der Duft der Blüten krank. Er vermischte sich mit dem säuerlichen Geruch im Haus und bescherte ihm eine andauernde Übelkeit. Wenn der Wind durch die Krone des Baumes strich vermeinte er ein stetiges Flüstern zu hören. Nachts schlich er sich manchmal in die Nähe des Baumes. Magisch angezogen von diesen Flüsterstimmen. Angst überfiel ihn in solchen Nächten. Wie sehr es auch versuchte, es gelang ihm nicht sich der Nähe des Baumes zu entziehen.

So verging der Sommer. Weithin über die Felder leuchteten die roten Äpfel des Baumes. Die Äste schwankten unter der Last.

Mehrmals hatte ihn Böning schon darauf aufmerksam gemacht, dass er ernten müsse,  sonst würden die Äste brechen. Doch er hatte immer wieder abgewunken. Keine Zeit. Wie sollte er ihm auch erklären, dass jedesmal, wenn er versuchte sich dem Baum zu nähern, die Stimmen da waren. Lauter und bedrohlicher als noch im Mai. Langsam wurde er verrückt. So konnte es nicht weitergehen. Es ist nur ein Baum, sagte er sich hundertmal am Tag. Nur ein knorriger, alter Apfelbaum. Alles andere bildest du dir ein.

Vereinzelt brachen nun schon die Äste. Jedesmal begleitet von einem ächzendem Stöhnen. John Simmons beschloss dem Ganzen ein Ende zu machen. Er würde ihn fällen, damit endlich Ruhe einkehrt. In sein Leben, in seine Gedanken.

Mit Leiter und Motorsäge bewaffnet, wild entschlossen sich nicht wieder diesen Stimmen zu beugen, näherte er sich dem Baum. Kein Lufthauch war zu spüren und eine unerklärliche Stille lag über dem Wipfel. Simmons lief es eiskalt den Rücken hinunter. Obwohl die Sonne brannte, fror er. Der Baum strahlte eine unerbittliche Kälte aus. Alles nur Einbildung, dachte er. Reiß dich zusammen, es ist nur ein Baum.

Verdammt, die Leiter reichte nicht. Simmons musste sich noch ein Stück höher hangeln, um die Krone zu erreichen. Was sich als schwierig erwies mit der Säge, die er sich auf den Rücken geschnallt hatte. Wind kam auf und verfing sich in den Ästen. Vereinzelt schlugen ihm Zweige ins Gesicht und hinterließen blutige Kratzer. Verärgert hielt er inne und wischte sich mit dem Handrücken das Blut aus dem Gesicht. Mehrere Äpfel kullerten über seine Arme, bevor sie in der Tiefe verschwanden. Einer traf ihn hart im Nacken. Ehe er reagieren konnte traf ihn ein weiterer Schwall. Fast schien es , als ob der Baum ihn mit den Äpfeln bewerfen würde. Wütend rüttelte er an einem Ast. Nicht mit mir, schrie er. Du machst mich nicht länger fertig. Gerade, als er nach der Säge greifen wollte, schlang sich ein Zweig um seinen rechten Arm und bohrte sich tief in das Fleisch. Simmons schrie und versuchte verzweifelt sich zu lösen. Doch je heftiger er sich wehrte, desto mehr Zweige wandten sich ihm zu. Zu Händen geformt griffen sie nach ihm. Sie zischelten und wickelten sich um Arme und Beine. Er spürte wie sie in das Gewebe drangen und durch sein Fleisch wanderten. Immer wieder wurde er von Äpfeln traktiert. Ein Zweig griff nach seiner Kehle, wand sich darum und schnürte ihm die Luft ab. Sein Schreien ging ein  grauenvolles Gurgeln über. Schließlich verstummte er.

So wie der Wind gekommen war, verschwand er auch wieder. Ruhig stand der Baum in der Abendsonne. Die Äpfel leuchteten im Licht der untergehenden Sonne besonders rot.

Böning fand ihn erst zwei  Tage später. Ein Anblick, den er nie vergessen sollte. John Simmons hing im Apfelbaum, restlos durchdrungen und überwuchert von Zweigen. Seine Augen waren hervorgetreten und in seinem, wie zum Schrei geöffneten Mund, stak ein roter Apfel. Wieder und wieder musste er seine Geschichte erzählen. Und immer schloss er mit den folgenden Worten.

"Er war eins mit dem Baum, als ob er mit ihm verwachsen sei."

 

Der Hof stand mehr als zwei Jahre leer, als sich ein Käufer fand. Das Haus wurde komplett umgestaltet, auch Hof und Garten erhielten ein neues Gesicht. Der Apfelbaum fiel den Umgestaltungsmaßnahmen zum Opfer und wurde gefällt. Als man den Baumstumpf ausgrub, fand man die sterblichen Überreste von Sarah Simmons.