Dem Leben dankbar

 

 

Nie hatte ich darüber nachgedacht. Es war einfach so, jeden Heiligabend an den ich mich erinnern konnte. Diese Spannung, bevor das Glöckchen erklang, das Zeichen, das wir endlich das Wohnzimmer betreten durften. Der Baum, geschmückt mit roten und silbernen Kugeln, Lametta, Strohsternen, die wir an den Adventssonntagen gebastelt hatten und echten Kerzen. In späteren Jahren wurde diese gegen elektrische ausgetauscht und feingesponnenes, weißes Engelshaar verbreitete einen himmlischen Zauber. Der ganze Raum roch nach Tanne und Wald. Auf dem runden Esstisch stand stets  die,  mit kleinen roten Kerzen bestückte,  Holzpyramide.  Über all den geschnitzten Engeln und anderen Figuren thronte das Christkind.

Nachdem wir Kinder den Baum  bestaunt hatten durften wir uns an den Tisch setzen. Ein jeder hatte einen kleinen Teller und eine Gabel vor sich liegen. Nur an Mutters Platz lag zusätzlich noch ein kleines Küchenmesser. Neben jedem Teller stand ein großer, bunter Keramikbecher. Mein Herz flatterte, als sie endlich aus der Küche kam und eine dampfende Schüssel  auf den Tisch stellte. Eine zweite, kleinere Schüssel folgte. Dann kam Vater mit der Kanne und goss heißen Saft in unsere Becher. Ein Duftgemisch aus süßen Trauben und  Zimt verbreitete sich im Raum.  Mutter band sich eine frisch gestärkte, weiße Spitzenschürze um und setzte sich zu uns an den Tisch. Bevor sich auch der Vater zu uns setzte, zündete er noch bedächtig alle Kerzen der Pyramide an. Alle Augen waren jetzt auf das Christkind gerichtet. Nach wenigen Minuten begann es sich ganz sacht zu drehen. Und dann erklangen die ersten Töne der eingebauten Spieluhr.

"Alle Jahre wieder kommt das Christuskind, auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind..."

Für uns Kinder war es, als ob das Christkind  unter uns weilt. Wir sangen alle mit und hielten uns an den Händen. Nach dem der letzte Ton verklungen war nahm Mutter ihre Gabel und holte die erste Kartoffel aus der Schüssel und legte sie auf ihren Teller. Groß und braun lag sie, heiß und duftend vor ihr. Fast schon andächtig nahm sie das Küchenmesser und begann die Kartoffel zu schälen. Niemand sagte etwas, alle beobachteten nur die Hände der Mutter, wie sie in raschen Bewegungen die Kartoffel von der Schale befreite.  Die erste Kartoffel bekam grundsätzlich das jüngste Kind. So folgte Kartoffel um Kartoffel,  bis jeder diese goldgelbe Pracht vor sich liegen hatte. Der Vater nahm nun die zweite Schüssel und ein dicker Klecks Schnittlauchquark folgte. Wir falteten die Hände und Vaters Stimme füllte den Raum.

"Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast."

Die Kartoffel schmeckte herrlich zusammen mit dem Quark und der heiße Traubensaft ließ unsere Köpfe glühen. Natürlich konnten wir es kaum erwarten, dass die Tafel endlich aufgehoben wurde. Nun durften wir auf das Sofa, Vater legte eine Platte auf, mit Weihnachtsliedern, und wir mussten uns bis zur Bescherung noch mindestens drei Lieder gedulden.

Viele Weihnachtsabende habe ich so erlebt. Aus Kindern wurden Heranwachsende und ich, als Älteste, verliebte mich eines Sommers in Thomas.  Wir wurden schnell ein Paar. Das darauffolgende Weihnachtsfest feierten wir noch getrennt, jeder bei seiner eigenen  Familie. Doch dann war es soweit. Thomas lud mich ein, Heiligabend zusammen mit seiner Familie zu verbringen. Im Frühjahr wollten wir heiraten und so war es nur natürlich, das Fest bei ihm zu verbringen. Zumal er keine Geschwister hatte, so wie ich. Ich konnte verstehen, dass er seine Eltern nicht alleine lassen wollte.

Erwartungsvoll traf ich so gegen siebzehn Uhr bei seiner Familie ein. Seine Eltern begrüßten mich herzlich und führten mich sofort in das Wohnzimmer. Mein erster Blick fiel auf eine festlich gedeckte Tafel. Kerzenleuchter und edle Gläser zierten den Tisch. In der Mitte prangte ein Gesteck aus Tannenzweigen und weißen Christsternen. Der Tannenbaum in der Ecke des Zimmers war prachtvoll geschmückt. Lilafarbene und goldene Kugeln glänzten im Licht hunderter, kleiner Leuchtdioden.

Ich stockte unwillkürlich, als ich bemerkte, dass der typische Tannenduft im Raum fehlte. Ich trat näher an den Baum und schluckte. Kunststoff, das konnte doch nicht sein. Aber ich täuschte mich nicht. Es war ein künstlicher Baum. So einer, wie er immer zur Weihnachtszeit in vielen Geschäften stand. Thomas fasste meine Hand und führte mich zum Esstisch. Wo war die Pyramide? Ich zitterte innerlich und schaute verwirrt auf die vielen Schüsseln. 

 Der Geruch von Gänsebraten und Rotkraut kitzelte meine Nase. Thomas rückte mir einen Stuhl zurecht und ich setzte mich, noch immer verdutzt, an den Tisch. Natürlich war mir so ein Festessen nicht fremd.  Das gehörte zum  ersten Weihnachtstag. Eben genau dahin, aber doch nicht zum Heiligabend. Da aß man doch eine dicke Kartoffel mit Schnittlauchquark!

Kein Tischgebet, nur ein freundliches  "Guten Appetit" , keine Weihnachtslieder, nur ein  "Frohe Weihnachten",  beim Überreichen der Geschenke. Ich wurde zunehmend trauriger, ließ mir aber, Thomas zu Liebe, nichts anmerken. Genossen habe ich den Abend nicht, alles schien mir fremd und Weihnachten war plötzlich so fern. Das Essen schmeckte köstlich, aber ich vermisste den Geruch einer großen, dicken Kartoffel auf meinem Teller. Nur die Wärme in den Augen von Thomas, wenn er mich liebevoll ansah, tröstete mich ein wenig.

 Die beiden Weihnachtstage verbrachte ich zu Hause, tief in Gedanken versunken, sprach aber mit niemandem über das, was ich Heiligabend erlebt hatte.

Dieser merkwürdige Abend beschäftigte mich dennoch derart, dass ich mir ein Herz fasste und einer Kollegin, mit der ich mich gut verstand, davon erzählte. Ungläubig starrte diese mich an.

"Ihr esst eine Kartoffel mit Quark? DAS ist merkwürdig, nicht der Gänsebraten. Ein Kunstbaum ist doch praktisch, den habe ich auch und die Deko ist dieses Jahr türkis und pink.  Und was ist, um Himmels Willen,  eine Weihnachtspyramide?  Mal ganz ehrlich, bastelt ihr tatsächlich Strohsterne?"

Ich konnte es nicht fassen. Alle Welt feierte Weinachten so wie die Familie von Thomas? Was war mit uns, warum verlebten wir den Heiligabend so anders ? Ich musste es unbedingt wissen.

Am gleichen Abend noch suchte ich das Gespräch mit meiner Mutter. Zuerst wusste ich nicht so recht, wie ich anfangen sollte, aber dann sprudelte es nur so aus mir heraus. Still hörte sie mir zu, so wie sie es immer tat, wenn wir ihr unsere Probleme erzählten.  Sie nahm mich in den Arm, drücke mich fest und schob mich dann in einen Sessel. Sie selber setzte sich auf die Lehne und schaute mir fest in die Augen.

"Mag sein, wir begehen den Heiligabend anders, als viele unserer Mitmenschen. Doch alles hat seinen Grund. Du weißt aus meinen Erzählungen, dass ich im November 1944 im Alter von dreizehn Jahren mit Oma und meinen drei Geschwistern aus Danzig flüchten musste. Opa galt damals als verschollen und die Russen kamen immer näher."

Ich nickte, Mutter hatte die Geschichte schon oft erzählt. Wie sie  mit einem Leiterwagen durch die bittere Kälte gezogen sind, immer die Angst im Nacken, von Tieffliegern beschossen zu werden und immer die Angst, doch noch von den Russen eingeholt zu werden. Dazu der Hunger und die Kälte. Irgendwie hatten sie es dann im Februar/ März 1945 geschafft, nach Gotenhafen zu gelangen. Dort fanden sie Platz auf einem der Schiffe, die Flüchtlinge nach Dänemark brachten. Tausende Menschen waren damals unterwegs gewesen, in Trecks und viele, so wie die Familie meiner Mutter, alleine.

"An das Weihnachtsfest hat zu dieser Zeit niemand einen Gedanken verschwendet. Jeder Tag war gleich, angefüllt mit dem Gedanken, den nächsten Tag zu überstehen. Es schneite an manchen Tagen ununterbrochen und einige Nächte mussten wir durchwandern, weil wir keinen Schlafplatz fanden. Deine Oma packte dann immer abwechselnd einen von uns, in eine Pferdedecke gehüllt, auf den Leiterwagen. Ich weiß bis heute nicht, wo sie die Kraft hernahm diesen, Stunde um Stunde, durch den tiefen Schnee zu ziehen. Manchmal sang sie sogar dabei. Essen erbettelten wir am Tage auf Gutshöfen. Doch kaum jemand hatte etwas für uns übrig,  die Menschen litten selber Hunger.  Viele scheuchten uns aber auch von den Höfen und nur,  weil deine Oma immer wieder eines ihrer Schmuckstücke anbot, sind wir nicht verhungert.

Eines abends fanden wir total erschöpft Unterkunft in einer Scheune. Zwei weitere Familien hatten sich dort bereits zur Nacht eingerichtet. Murrend rückten sie etwas zusammen, damit auch wir noch Platz fanden. In der Scheune war es zwar auch bitterkalt, aber sie bot wenigstens Schutz vor dem Schnee. Die Stimmung war schlecht und es dauerte auch nicht lange bis ein Streit ausbrach. Ein Laib Brot war der Grund. Scheinbar wollte die Familie nicht mit den anderen teilen.  Als deine Oma versuchte zu schlichten wandten sich plötzlich alle gegen uns und man warf uns hinaus in die Nacht. Uns blieb nichts anderes übrig als weiter zu wandern. Es schneite heftig und wir Kinder weinten.  Immer wieder blieben wir erschöpft stehen.  Doch deine Oma ließ nicht zu, dass wir länger als fünf Minuten rasteten. Sie wusste, wie gefährlich es war, in dieser Kälte zu verharren. Schlaf bedeutet den Tod. Unzählige Male hatten wir schon erfrorene Menschen im Schnee liegen sehen

Wir gingen wohl eine Stunde als wir auf eine Frau trafen. Sie erkannte sofort unsere Notlage und bat uns, sie zu ihrem Hof zu begleiten. Dankbar nahmen wir an, voller Hoffnung auf einen warmen Scheunenplatz. Aber weit gefehlt, sie lud uns in ihr Haus ein. Dort war es warm und wir konnten uns gar nicht schnell genug die klammen Mäntel und Jacken ausziehen. Stumm standen wir in einem geräumigen Flur und konnten unser Glück kaum fassen. Die Frau drängte uns in ihre Stube.  Was uns dort erwartete übertraf unsere kühnsten Träume. In einer Ecke stand tatsächlich, neben einem bullernden Kohleofen, der eine für uns unglaubliche Wärme verströmte, ein Weihnachtsbaum mit Kerzen und Strohsternen. Auf einem Tisch drehte sich eine Holzpyramide mit allerliebsten Figuren. Deine Oma rechnete schnell nach. Konnte es wirklich sein? War es möglich dass es schon Heiligabend war? Welch ein Wunder, diesen Abend in einer warmen Stube verbringen zu dürfen.

"Setzt euch doch", sagte die Frau. "Mein Name ist Mathilde. Viel kann ich euch nicht bieten, aber was wir haben, teilen wir gerne mit euch." 

Ehrfürchtig nahmen wir an dem Tisch Platz. Im Flur rumpelte es und nur Sekunden später stand ein Mann in der Tür. So groß und breit, dass wir Kinder vor Furcht erstarrten. Mathilde bemerkte unsere Angst, fasste nach dem Arm des Mannes und zog ihn zu uns an den Tisch.

"Das ist Karl, mein Ehemann. Man hat ihm das rechte  Bein zerschossen, nun ist er auf Heimaturlaub,  um sich zu erholen." Ein wenig traurig lächelte sie ihn an.

Karls Blick huschte mit einem freundlichen Grinsen über unsere, noch immer starren, Gesichter.

"Welch eine Freude am Heiligabend Gäste begrüßen zu können", sagte er. Langsam humpelte er zu uns herüber und ließ sich zwischen uns nieder. Er tätschelte uns Kindern die Köpfe und wandte sich dann seiner Frau zu. "Mathilde, rasch in die Küche, die Kinder sind ja total verfroren und hungrig sehen sie auch aus." Mathilde nickte und bat deine Oma mit in die Küche.

Karl fragte uns Kinder nach den Erlebnissen der Reise und verstand es geschickt uns von allem Schweren abzulenken, indem er anfing, kleine, lustige Geschichten, zu erzählen. Bald schon erfüllte fröhliches Gelächter das Zimmer. Die Kälte, der Hunger und die Sorgen waren vergessen. Zwischendurch zündete er die kleinen Kerzen auf der Holzpyramide an und wir lauschten hingerissen den Klängen der Spieluhr.

Es mochte  eine Stunde vergangen sein, als sich die Tür zur Stube öffnete und deine Oma mit einem Stapel Teller und Gabeln herein kam. Flugs war der Tisch gedeckt. Für jeden gab es noch einen Becher. Karl stand auf, humpelte in die Küche und kam mit einer großen Kanne zurück. In jeden Becher goss er ein herrlich duftendes, heißes Getränk. Traubensaft mit Zimt verfeinert, wie mir später deine Oma erzählte. 

Und dann kam Mathilde. In der Hand eine riesige Schüssel, voll mit dampfenden Kartoffeln. Wir konnten es kaum erwarten, bis Mathilde für jeden eine gepellt hatte. Dazu gab es Quark mit Schnittlauch. Ein wahrer Festschmaus für uns. Karl zündete die Kerzen am Baum an und stimmte " Stille Nacht, heilige Nacht" an. Nach und nach fielen wir alle ein. Und dann aßen wir. Noch heute spüre ich den Geschmack der Kartoffeln auf meiner Zunge. Etwas köstlicheres habe ich seither niemals wieder gegessen.

Wir blieben fünf Tage bei Karl und Mathilde. Tage, in denen wir wieder neue Kraft schöpfen konnten. Tage voller Lachen und Tage an denen wir keinen Hunger litten. Dann mussten wir weiter. Wir hatten keine Wahl. Deine Oma beschwor Karl und Mathilde, uns zu begleiten, aber sie wollten ihre Heimat nicht verlassen. Zum Abschied schenkten sie deiner Oma die Holzpyramide. Sie hat sie während der restlichen Flucht gehütet wie einen Schatz. Viele Jahre später hat sie erfahren, dass beide von den Russen erschossen wurden.

Seitdem begehen wir Heiligabend immer in Gedenken an Mathilde und Karl. Voller Dankbarkeit und Liebe.  Jedes ihrer Kinder hat zur Hochzeit eine solche Pyramide von Oma bekommen. Die Echte steht heute noch bei ihr jeden Heiligabend auf dem Tisch, auch wenn die Spieluhr längst nicht mehr funktioniert." Mutter drückte meine Hände und sah mich liebevoll an.

"Dieser Heiligabend war ein ganz besonderer Tag, den ich niemals vergessen will. Und ich will mich immer daran erinnern, was es in Zeiten höchster Not bedeutet, eine Kartoffel essen zu können. Menschlichkeit, Für einander da sein, das ist der wahre Sinn des Christfestes." Sie lächelte bei den Worten.

Das war also der Grund, für unsere karge Mahlzeit an Heiligabend. Ein wunderbarer Grund, wie ich nun fand.  Ein bisschen schämte ich mich, den Abend nun ganz anders verbracht zu haben.

Später erzählte ich Thomas von unserem "Heiligabend". Er zwar sehr erstaunt, zeigte aber Verständnis für diese Familientradition. Und als ich ihn bat, unsere gemeinsamen Heiligabende in Zukunft auch so zu verbringen, drückte er zustimmend meine Hand. Ich hatte den richtigen Partner für mich gefunden, das wusste ich in diesem Moment genau. 

Das schönste Geschenk zu unserer Hochzeit war übrigens eine hölzerne Pyramide mit Engelsfiguren und einem Christkind, welches ganz oben thronte.

 

 

Wer weiß schon was die Tage bringen

ob Vögel auch noch morgen singen

Wer weiß schon was für uns gewählt

und ob ein Wort auch morgen zählt.

 

Drum bin ich dankbar für mein Leben

für alles was mir Sinn gegeben.

Ich leb im Heut, im Jetzt, im hier

und dafür Leben, dank ich dir.