Mäuseweihnachten

 

Endlich hatte sich Familie Maus in ihrer neuen Heimat eingerichtet. Die Möbel standen am richtigen Platz und selbst das Geschirr war schon in den Schränken eingeräumt. Es war nicht der erste Umzug, den Familie Maus hinter sich bringen musste. Nur, so weit, waren sie noch nie gefahren. Im Möbelwagen ist ihnen ständig übel gewesen. Gut, dass die alte Truhe wenigstens festgeschnallt war. Dort lebte nämlich Familie Maus. In einer großen geräumigen Truhe, die jahrelang ungenutzt und verstaubt auf dem Dachboden einer Menschenfamilie gestanden hatte. Fast wäre die Truhe auf der Müllkippe gelandet. Erst in letzter Sekunde hatte die Mutter der Menschenfamilie entschieden, die Truhe mitzunehmen. Viel Zeit zum Packen war Familie Maus nicht geblieben. Papa Maus konnte noch schnell alle Möbel festbinden und Mama Maus hatte das Geschirr gesichert, so gut es eben ging. Während der Fahrt in dem Möbelwagen hatte sich  Papa Maus kurzerhand ganz nah an die Fahrerkabine geschlichen. Was er dann zu berichten hatte verschlug allen den Atem. Ihr neuer Wohnort würde eine große Stadt werden. Der Menschenvater hatte eine neue Arbeit, bei der er viel Geld verdienen würde. Ab sofort würden sie in einer großen Wohnung hoch über den Dächern der neuen Stadt wohnen. Die drei Mäusekinder waren ganz aufgeregt gewesen. Mittlerweile schliefen sie selig in ihren kleinen Bettchen.

"So ein Umzug ist kein Zuckerschlecken", piepste Mama Maus und ließ sich erschöpft in ihren Schaukelstuhl sinken. "Nur gut, dass wir alles noch vor Weihnachten geschafft haben. Morgen ist der große Tag und alles was uns noch fehlt ist ein Weihnachtsbaum."

Papa Maus lächelte seine Frau an. "Das ist kein Problem, gleich morgen früh werde ich uns einen Baum besorgen. Jetzt lass uns  schlafen gehen, der Tag war schon anstrengend genug."

Am nächsten Morgen packte Papa Maus seinen Rucksack. Ein Messer fand dort Platz, ein Seil mit einem Haken und ein kleines Beil. Natürlich durfte ein großes Stück Käse nicht fehlen. Arbeit macht schließlich hungrig. So bepackt machte sich Papa Maus auf, einen Weihnachtsbaum für die Mäusefamilie zu besorgen. Vorsichtig, um nicht entdeckt zu werden, erkundete er die neue Menschenwohnung. Die Speisekammer fand er schnell, denn da brauchte er nur dem Geruch von Käse, Brot und Schinken zu folgen. Welch ein Paradies tat sich da vor ihm auf. "Ein wenig Naschen schadet nicht", dachte er und hieb sich mit dem Messer ein kleines Stück Brot aus einem riesigen Laib. Nachdem er es genüsslich verspeist hatte, nicht ohne ein weiteres Stück in seinem Rucksack zu verstauen, machte er sich weiter auf die Suche nach dem Weihnachtsbaum. Doch so sehr er auch sein Näschen hob und schnupperte, er konnte keinen Tannenduft riechen. "Seltsam, seltsam", murmelte er vor sich hin, "irgendwo muss doch der Baum sein, heute abend ist doch Weihnachtsabend."

Nachdem er alle Räume ergebnislos abgesucht hatte, blieb nur noch eine Tür übrig. Hinter einem Schirmständer wartete er, bis eines der Menschenkinder die Türe öffnete. Er schlüpfte hinein und da stand er. Ein wunderschöner dunkelgrüner Tannenbaum. Über und über mit goldenen Kugeln geschmückt. Alles schien an diesem Baum aus Gold. Lametta, die Glöckchen, ja sogar die vielen Engelsfiguren. Ehrfürchtig blickte Papa Maus an dem Baum hoch. Wie schön er gewachsen war, die Zweige bildeten eine wunderbare Einheit. "Nun denn, auf in den Kampf, Herr Maus", piepste es freudig aus seiner Kehle. Voller Tatendrang schwang er das Seil mit dem Haken wie ein Lasso über seinem Kopf. Mit dem letzten Schwung schoss es in die Höhe und der Haken landete treffsicher an einem Zweig und krallte sich dort fest. Nun war der Rest ein Kinderspiel für Papa Maus. Flink wie Mäuse nun mal sind, kletterte er an dem Seil empor. Er setzte sich auf den Ast und suchte sich mit Bedacht ein besonders schönes Zweiglein aus. "Das wird ein prima Weihnachtsbaum für uns", dachte er und griff nach dem kleinen Beil.

Doch was war das, egal wie er sich mühte und das Beil in den Ast schlug, es passierte nichts. Papa Maus wunderte sich, legte das Beil beiseite und fasste mit beiden Pfötchen in das tiefdunkle Grün des Baumes. Er zuckte zurück und starrte fassungslos auf die grünen Flusen, die an den Innenflächen der Pfötchen hafteten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass der Baum nicht nach Baum roch. "Ein Kunstbaum", knurrte er entsetzt, "das muss ein Kunstbaum sein!" Er erinnerte sich daran, dass sein Freund Berti einmal so einen Baum erwähnt hatte.

"Was nun?" Papa Maus war in heller Aufregung. Doch bevor er sich von dem Schreck erholen konnte, öffnete sich die Tür und die Menscheneltern betraten den Raum.

"Ist er nicht entzückend?", rief die Menschenmutter. "Man sieht noch nicht mal, dass er nicht echt ist." Ihr Mann nickte zustimmend. "Kein Unterschied, es wäre ja auch viel zu aufwendig gewesen einen echten Baum in der Größe mit dem Fahrstuhl zu transportieren. Den können wir nach Weihnachten schön verpacken und nächsten Jahr wieder aufstellen. Und er nadelt nicht."

Papa Maus verharrte ganz still auf dem Ast, von tiefer Traurigkeit erfüllt. "Was soll ich nur meiner Familie sagen, wie soll das gehen, ein Weihnachtsfest ohne Baum!"

Er wartete bis die Menscheneltern das Zimmer verlassen hatten, packte das Beil wieder ein, hakte das Seil aus und kletterte am Stamm des Baumes wieder hinunter. Schweren Herzens machte er sich wieder auf zur Truhe. Dort wurde er schon von seiner Frau und den Mäusekindern erwartet. Mama Maus merkte sofort, das etwas nicht stimmte. Sie nahm Papa Maus den Rucksack ab und drängte ihn sich in den Schaukelstuhl zu setzen. Die Kinder hockten sich zu seinen Füßen, Mama Maus stellte sich neben den Stuhl und fasste seine Pfote und Papa Maus erzählte was ihm widerfahren ist.

Das Herz tat ihm weh, als seine Kinder weinten. Niemand hatte mehr Lust, die Geschenke einzupacken, geschweige denn ein fröhliches Weihnachtlied zu singen. Mama Maus kochte für alle noch einen Kakao und tröstete so gut es ging. Mittlerweile war es dunkel geworden und weil überhaupt keine weihnachtliche Stimmung aufkommen wollte zogen sich die Kinder in ihre Betten zurück und auch Mama und Papa Maus legten sich schlafen.

Dem Christkind, welches ja am Weihnachtsabend in jede Stube schaut, blieb das alles nicht verborgen. "Hier muss etwas geschehen", wisperte es leise, streckte sein Ärmchen in die Höhe und öffnete die Hand. Tausende kleine Glitzersternchen flirrten wie Schneeflocken durch die Luft, setzen sich in jede Ecke der Truhe. Tannenduft durchflutete den Raum. Wieder und wieder öffnete das Christkind die Hand. Erst nach einer Weile war es mit seinem Werk zufrieden. Es lächelte still vor sich hin, breitete die Flügel aus und machte sich wieder auf seinen Weg. Es gab noch so viele Stuben, die es besuchen musste.

Am nächsten Morgen wurde Papa Maus von einem himmlischen Duft geweckt. Sein Näschen flatterte und nichts hielt ihn mehr im Bett. Staunend betrachtete er das Innere der alten Truhe. Alles glitzerte und glänzte, in der Ecke stand der schönste Tannenbaum, den er je gesehen hatte. Über und über mit buntschillernden Kugeln besetzt. Auf der Spitze prangte ein kleiner silberner Engel, mit einem Glöckchen in der Hand. Und wie er duftete! Unter dem Baum lagen alle Geschenke, fein eingepackt in Gold- und Silberpapier. Mit blauen und roten Schleifen verziert. Überwältigt von dieser Pracht hätte er beinahe vergessen seine Familie zu wecken. Doch das wäre sowieso nicht nötig gewesen. Denn plötzlich klingelte das Glöckchen in der Hand des Engels und Mama Maus und die Kinder kletterten aus ihren Betten. Die Freude war so groß, dass Mama Maus vor Rührung dicke Mäusetränen weinte.

Es wurde das schönste Weihnachtsfest für Familie Maus, was sie jemals hatten. Mama Maus wusste durchaus, wem dieses Geschenk zu verdanken war und zündete eine extra große Kerze für das Christkind an. Seit diesem Tag feiert die Mäusefamilie ihr Weihnachtsfest immer erst am Morgen nach dem Heiligen Abend. Helfen musste das Christkind nie wieder, denn Papa Maus fand bald eine neue Heimat für seine Familie. Dort gab es zwar keine so schöne Truhe, aber eine gemütliche Kiste in der Ecke eines Gartenhauses. Und die Gewissheit, dass bei dieser Menschenfamilie niemals ein Kunstbaum an Weihnachten aufgestellt würde.

 

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Der Märchengarten

gelesen von Rena Larf