Familie Maus und die Schleiereule

 

Familie Maus und die Schleiereule

 

Nun lebte Familie Maus schon beinahe ein Jahr im alten Gartenhaus. Mama Maus hatte in der Kiste, die im hintersten Winkel stand, für alle ein urgemütliches Zuhause geschaffen. Frühling, Sommer und Herbst waren ins Land gezogen. Die Jahreszeiten kannte Familie Maus ja aus vergangenen Zeiten, konnte aber hier auf dem Land zum ersten Mal den Reichtum und die Fülle, die diese Jahreszeiten bieten, genießen. Bisher hatte die Familie ja immer in einem Haus gelebt, wo es Menschen gab und    eine stets gut gefüllte Speisekammer. Papa Maus hatte es zwar dort nicht immer leicht gehabt, gefahrlos Essen für die Familie zu beschaffen, aber egal zu welcher Jahreszeit, die Kammern der Menschen waren immer gut gefüllt. Wenn im Winter draußen eisige Kälte herrschte, hatte es Familie Maus immer warm, denn die Menschen sorgten für Wärme im ganzen Haus. Hier im Gartenhaus war die Nahrungsbeschaffung auch nicht immer ganz ungefährlich, obgleich alles vor der Türe lag. So manch brenzlige Situation mit anderen Tieren, die scheinbar nichts anderes im Kopf hatten, als Papa Maus zu fressen, musste das Oberhaupt der Familie Maus bestehen. So hatte die Familie sich langsam an die neue Situation gewöhnt, nette Nachbarn gefunden, die Kinder Spielkameraden. Denn in der Nähe lebten weitere Mausfamilien.

Anfang Dezember, es war schon empfindlich kalt geworden, bekamen die Kinder der Familie Maus ein neues Geschwisterchen. Die Freude darüber war riesengroß. Papa Maus lief den ganzen Tag mit stolz geschwellter Brust herum und die Mäusekinder mochten sich kaum von ihrem kleinen Geschwisterchen wegbewegen. Sie neckten und kitzelten das Mäusebaby, wenn es nicht gerade schlief. Papa Maus hatte aus einem alten Spielzeugeisenbahnwaggon, den er vor dem Gartenhaus gefunden hatte, eine Wiege gebaut, in der das Mäusebaby lag. Mama Maus fütterte das Baby, wann immer es Hunger hatte und wiegte es dann in den Schlaf. Sie war rundherum glücklich. Alles war perfekt. Auf Anraten der anderen Mausfamilien hatte Papa Maus einen Essensvorrat für den Winter angelegt. Das war nötig gewesen, da  hier im Gartenhaus ja keine Menschenspeisekammer vorhanden war. Zwar gab es das Menschenhaus, doch die Bewohner hatten nur eine merkwürde und sehr kalte Speisekammer, die dazu auch noch meistens fest verschlossen war. Nur einmal war es Papa Maus gelungen dort einzudringen. Eines Tages hatte nämlich die Tür offen gestanden, sodass er hineinklettern konnte. Gerade als er sich ein Stück von einem duftenden Käse abschneiden wollte, machte es "Klack" und Papa Maus stand im Dunkeln. Es wurde fürchterlich kalt und Papa Maus wäre fast erfroren. Glücklicherweise hatte sich dann doch wieder die Tür geöffnet und Papa Maus konnte entwischen.

Die nächsten Tage wurde es immer kälter. Schnee fiel und deckte den Garten mit einer weißen, dicken Schicht zu. Mittlerweile lag er so hoch, dass es unmöglich schien für Papa Maus, das Gartenhaus zu verlassen. Familie Maus wärmte sich, so gut es eben ging, gegenseitig. So schliefen sie alle in einem Bett unter einer Decke, die Mama Maus notdürftig aus Blättern und kleineren Zweigen gewebt hatte. Am Morgen des 5. Dezember fing Mama Maus plötzlich an zu weinen. Dicke Tränen kullerten über ihr Mausgesicht. "Unsere Babymaus wird erfrieren", schluchzte sie. "Das Fell ist noch nicht dick genug, um es mit Hilfe der Decke vor der Kälte zu schützen. Da nützt auch meine Mutterwärme kaum noch. Du musst ein Weg finden in das Haus oder irgendetwas, was uns wärmt."

Papa Maus betrachtete bestürzt seine Frau, die das Mäusebaby fest an sich drückte. Ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals. " Ich werde einen Weg finden", versprach er. Dann packte er einen Rucksack mit etwas Essen und allerlei Hilfsmitteln, wie scharfe Äste und kleinere Nägel, die er im Laufe des Sommers im Garten gefunden hatte. So ausgerüstet machte er sich auf den Weg in den verschneiten Garten.

Bittere Kälte schlug ihm entgegen, als er das Gartenhäuschen verließ. Auf seinen feinen Schnurrhaaren bildete sich augenblicklich eine Eisschicht. Mühsam kämpfte er sich Zentimeter für Zentimeter durch den Schnee in Richtung Haus. Es dauerte Stunden, bis er am Birnbaum angelangt war, der kahl inmitten des Gartens stand, umgeben von einigen Sträuchern, die noch Blätter trugen und Gehölz. Er konnte kaum noch etwas sehen, da die Dämmerung bereits eingetreten war. Hier wollte er erstmal Schutz suchen, denn es schneite jetzt in einem fort. Schwer atmend setzte Papa Maus seinen Rucksack ab, nachdem er unter das Gehölz geschlüpft war. Völlig erschöpft lehnte er sich dagegen und versuchte seine Gedanken zu ordnen.  Wie um alles in der Welt sollte er bei diesem Wetter je das Haus erreichen?

Plötzlich knackte und raschelte es ganz in seiner Nähe. Dann wurde es wieder still. Vorsichtig zog Papa Maus einen der spitzen Nägel aus seinem Rucksack. So bewaffnet horchte er in die Dunkelheit. Da, da war es wieder. Ein Knacken und Rascheln, nun begleitet von einem leisen Stöhnen. Vorsichtig bewegte sich Papa Maus in die Richtung, aus der er die Geräusche vernommen hatte. Seine Mausaugen huschten aufmerksam hin und her. An die Dunkelheit hatten sie sich mittlerweile gewöhnt. So entging ihm nun nichts mehr. Das Stöhnen wurde lauter, was bedeutete, dass das Wesen, welches  diese Geräusche von sich gab, unmittelbar vor ihm sein musste. Hier im Gehölz lag kein Schnee, sodass sich Papa Maus, wie es seiner Art entsprach, flink und leise bewegen konnte. Er huschte unter einen Ast und lugte hervor. Was er sah, ließ seinen Atem stocken. Eine große Schleiereule, der stärkste und schlimmste Feind aller Mäuse, hockte vor ihm im Gehölz und stöhnte vor sich hin. Vor Angst völlig erstarrt, verharrte Papa Maus auf der Stelle, konnte aber nicht verhindern, dass ihm ein aufgeregtes Fiepen entfuhr.

Sofort hörte die Eule auf zu stöhnen und drehte ihren Kopf in seine Richtung. Gelb leuchtende Augen sahen ihn starr an. Papa Maus zuckte unter dem Blick zusammen. Hatte jetzt sein letztes Stündlein geschlagen? Was würde nun aus seiner Familie? Er zitterte vor Angst. Flucht, nur weg hier, dachte er. Doch irgendetwas hielt ihn auf seinem Fleck. Nach weiteren angsterfüllten Sekunden, Auge in Auge mit der Schleiereule, wusste er auch warum. Sein Feind hing fest. Ein Fuß hatte sich in einer Schnur verfangen, die von den Menschen, die hier lebten, wohl achtlos im Garten vergessen worden war. Die Schleiereule konnte sich daraus nicht mehr befreien.

Papa Maus atmete auf. Es bestand keine Gefahr, dass die Eule ihn fressen könnte. Er wollte sich eben wieder zurückziehen, als die Eule ihn ansprach. "So hilf mir doch, kleine Maus", bat sie verzweifelt. "Kannst du nicht mit deinen Nagezähnchen die Schnur durchbeißen? Bitte, sonst bin ich dem Tod geweiht!"

Überrascht Papa näherte sich Papa Maus ein paar Mäuseschritte der Eule. "Jaja, und dann frisst du mich ganz bestimmt auf."

"Bestimmt nicht, auf keinen Fall. Ich werde dir ewig dankbar sein. Dass ich Mäuse fresse, liegt nun mal in meiner Natur, dafür kann ich nichts. So wie du dich von Samen, Wurzeln und allerlei menschlichen Abfällen ernähren musst. Das ist so gegeben." Die letzten Worte der Eule gingen in Schluchzen über. "Bitte, hilf mir!"

Papa Maus zögerte noch ein wenig, aber dann überwog sein gutes Herz. Er huschte dicht an die Schleiereule heran und fing an, die Schnur durchzunagen. Für seine Mausezähnchen war das kein Problem. Schon nach kurzer Zeit war der Fuß der Eule aus dem Gefängnis befreit. Sofort schüttelte sich die Schleiereule und plusterte sich auf. Papa Maus bekam es mit der Angst und huschte zurück, tiefer in das Gehölz hinein.

"So warte doch, kleine Maus", rief ihm die Eule nach. "Wie kann ich dir danken. Was machst du überhaupt hier, bei dieser Kälte?"

"Ich suche einen Weg in das Menschenhaus", antwortete Papa Maus aus sicherer Entfernung. "Meine Familie friert und ich muss dort etwas finden, was meine Kinder, vor allem meine Babymaus, vor der Kälte schützt."

Aus der Sicherheit des Gehölzes heraus erzählte Papa Maus der Schleiereule seine Geschichte. Dass er bis vor einem Jahr nur in Menschenhäusern gelebt hatte, einmal sogar in einer Wohnung mitten in einer großen Stadt, wo es nur einen Kunstweihnachtsbaum gab, und dass er deswegen nicht wusste, wie er nun seine Familie vor dieser Kälte und einem langen Winter schützen konnte. "Vorräte habe ich genug gesammelt, das haben mir andere Mäusefamilien geraten, aber niemand hat mir gesagt, wie man sich im Winter wärmt. Nun wird unsere Babymaus erfrieren." Jetzt war es Papa Maus, der schluchzte.

Vor lauter Erzählen hatte Papa Maus gar nicht bemerkt, dass er unbewusst immer näher an die Schleiereule herangerückt war. Nun saß er weinend vor den Füßen seines Feindes.

Die Eule beugte sich zu ihm herab. "Du hast mir dein Vertrauen geschenkt und mir geholfen, obgleich ich die von eurer Art fressen muss, um zu überleben. So will ich jetzt auch dir helfen."

Papa Maus war überrascht. Wie sollte ihm denn eine Schleiereule helfen können?

"Kletter an mir hoch und nehm dir so viel von meinem weichen Brustgefieder, wie du tragen kannst", trug ihm die Eule nun auf. "Es wird dich und deine Familie den ganzen Winter wärmen. Mir wird es nicht fehlen, denn es wächst immer wieder nach."

Papa Maus, der längst schon keine Angst mehr vor der Schleiereule hatte, ließ sich das nicht zweimal sagen. Flugs kletterte er an der Eule empor und rupfte ihr die weichen Brustfedern aus. Was er nur konnte stopfte er anschließend in seinen Rucksack, bis dieser prall gefüllt war.

"Nun sind wir quitt", sagte die Schleiereule, schüttelte sich noch einmal, schob Gehölz zur Seite und flatterte davon.

Zurück blieb ein glücklicher Papa Maus, der es nun ganz eilig hatte, wieder zum Gartenhaus in seine Kiste zurückzukehren.

Der Rückweg war wieder mühsam und erst spät in der Nacht erreichte er sein Zuhause. Mama Maus fiel ihm um den Hals, weil er gesund und munter wieder vor ihr stand. Überglücklich war sie, als sie seinen Rucksack auspackte. Sofort machte sie sich an die Arbeit und stellte aus den Brustfedern der Eule für jeden eine wunderbar weiche und warme Decke her. Babymaus wurde als erste darin eingewickelt. Was für eine schöne Nacht. Sie war diesem Herrn Nikolaus unglaublich dankbar.

Warum? Nun Papa Maus wollte niemanden mehr aufregen und erzählte allen die wundersame Geschichte von dem gütigen Herrn Nikolaus, den er unterwegs getroffen hatte, und der ihm die Federn gegeben hatte, damit alle den Winter überleben konnten.

Und so kam es. Niemand der Familie Maus fror mehr, den ganzen Winter über hatten es alle warm. Von nun an feierten sie jedes Jahr den Tag ihrer Rettung am 6. Dezember und nannten den Tag zu Ehren ihres rettenden Engels – Nikolaustag.

Papa Maus hingegen, dachte an diesem Tag immer voller Dankbarkeit an eine gewisse Schleiereule, aber das brauchte ja niemand zu wissen.

 

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Der Märchengarten

gelesen von Rena Larf