Der Sternenkönig

Die Botschaft

 

In einem Sternenland, weit weit entfernt, regierte seit abertausend Jahren ein gemütlicher, dicker runder Sternenkönig. Nacht für Nacht umkreiste er, auf seinem ihm vorbestimmten Weg, all seine Sterne, lächelte ihnen zu, fand immer ein paar nette Worte und spendete Trost, wenn es einem Stern mal nicht so gut ging. Wenn es sich traf, hielt er gerne mit dem Mond ein Schwätzchen. Ihr müsst wissen, fast jedes Sternenland hat einen eigenen Mond. Der Mond in diesem Sternenland lachte gern und viel. Besonders zusammen mit dem Sternenkönig. Ihm erzählte er so manch lustige Geschichten, die er auf seinen nächtlichen Reisen erlebt hatte. Der Sternenkönig mochte das und kugelte sich oft vor lauter Lachen. Dabei wurde sein Licht ganz hell und noch in undendlicher Ferne sah man in solchen Momenten seine Spitzen in einem besonderen Glanz leuchten. "Seht", sagten dann die älteren Sterne zu ihren Sternenkindern, "unser König besucht gerade den Mond."

Wenn in einem Sternenland ein Mond zuhause ist, findet man dort auch seine Schwester, die Sonne. Der Sternenkönig konnte die Sonne gut leiden. Auch wenn er nicht viel von ihr sah. Denn sie kam immer erst dann, wenn er sich schlafen legte. Manchmal allerdings ließ es die oberste Wächterin aller Sternenländer, die Zeit, zu, dass sie sich für wenige Minuten treffen konnten. Der Sternenkönig liebte diese Augenblicke sehr. Gaben sie ihm doch die Möglichkeit, sich demütig bei der Sonne zu bedanken. Denn nur durch ihr Dasein, konnten sich alle Sterne im Land und der Mond ausruhen.

Eines Tages nahm die Zeit den Sternenkönig beiseite. "Bald ist es soweit, du wirst vergehen, so wie andere Sterne vor dir auch vergangen sind. Dein Licht wird schwächer werden und eines Tages ganz verlöschen. Sei nicht traurig, das ist der Lauf der Welten."

Der Sternenkönig wurde ganz blass und seine Spitzen flackerten. Obwohl er schon länger damit gerechnet hatte, konnte er sich eine Träne nicht verkneifen. Die Zeit bemerkte es wohl und verzog sich leise in den hintersten Winkel des Sternenlandes. Sie wusste genau, dass der Sternenkönig nun ein wenig für sich sein wollte. Leicht fiel es ihr nie, solche Nachrichten zu überbringen. Doch es musste sein. "Kein Leben ist unendlich", flüsterte sie. "Auch ein Sternenleben nicht. Für alles gibt es einen Anfang und für alles gibt es ein Ende."

Der Sternenkönig indes haderte mit seinem Schicksal. Während er seine nächtliche Reise fortsetzte wurde er von allerlei seltsamen, ihm völlig unbekannten Gefühlen übermannt. Da war Trauer, dann kam ein tiefer Schmerz. Er spürte Einsamkeit und wilde Wut. Ein Gedanke jagte den anderen. Warum ich, dachte er. Warum schon so bald? Er weinte um sich und richtete seine ganze innere Wut gegen die Zeit. "Was fällt dir ein, Schicksal zu spielen, bist doch nur ein dummes Ding, völlig sinnlos für die Welten", grollte er. Dabei plusterte er sich auf und sein helles Leuchten verfärbte sich blutorange.

Einige Sterne merkten wohl, dass mit ihrem König etwas nicht stimmte, zumal er für keinen in dieser Nacht einen Blick oder ein Wort übrig hatte. Aber niemand traute sich ihn zu fragen.  Auch nicht, als sich das Verhalten des Sternenkönigs in den nächsten Nächten nicht änderte. Sie tuschelten nur untereinander und alsbald machten die wildesten Gerüchte die Runde im Sternenland. Unglücklich verliebt ist er, sagten die einen. Andere wiederum wollten von einem Streit mit dem Mond gehört haben. Die Sonne, die nur allmählich von den Veränderungen im Sternenland erfuhr, machte sich allerdings keine Gedanken. "Jeder hat gute und schlechte Tage. Sie kommen und gehen wieder. Lasst euren König einfach in Ruhe seine Bahnen ziehen. Ihr werdet sehen, es fügt sich alles. Die Zeit wird es richten."

Die Zeit war es dann auch, die dem Sternenkönig half, Ordnung in seine Gefühlswelt zu bringen. Das war auch bitter nötig, denn mittlerweile war die Wut beim Sternenkönig gewichen und hatte einer tiefen Traurigkeit Platz gemacht. Der Sternenkönig litt. So sehr, dass er seine Aufgaben im Sternenkönigreich vernachlässigte.  Nacht für Nacht zog er zwar seine ihm vorbestimmte Bahn, weil er aber so sehr mit sich selber beschäftigt war, schaute er weder nach rechts oder links. Er wurde immer blasser, sprach mit niemandem und kümmerte sich auch nicht um die Sorgen und Nöte seiner Sterne.

Die Zeit beobachtete das Verhalten des Sternenkönigs mit Besorgnis. Mehrfach suchte sie das Gespräch mit ihm, aber sobald sie erschien, hielt er sich einfach die Ohren zu. "Geh weg!", rief der Sternenkönig in solchen Momenten der Zeit zu. "Lass mich einfach in Ruhe!"  Die Zeit war ratlos. "Es muss etwas geschehen", sagte sie zum Wind, den sie nach langem Überlegen aufgesucht hatte. "Die Ordnung im Reich zerfällt, weil sich niemand mehr kümmert." Der Wind nickte bekümmert. "Das habe ich auch schon bemerkt. Kaum ein Stern lacht noch. Einige sind schon ganz blass geworden, und erst gestern habe ich mit Mühe und Not einen heftigen Streit schlichten können. Jeder denkt nur noch an sich, niemand hat mehr Verständnis für den anderen. Ich fürchte, das Reich wird zerfallen."

Das konnte die Zeit natürlich in keinem Fall zulassen. "Wir müssen jemanden finden,  der mit dem Sternenkönig spricht. Mir hört er nicht mehr zu."

Der Wind bot sich an, diese Aufgabe zu erledigen. "Ich schaffe es bestimmt. Ich bin schnell und habe wie du weißt, eine ganze Menge Tricks auf Lager."  

Die Zeit lächelte. "Ja, wenn einer zaubern, kann, dann bist du es. Niemand sonst kann sich so schnell verwandeln."  

Ein wahrlich dickes Lob von der Zeit. Dem Wind gefiel das sehr und vor lauter Stolz plusterte er sich mächtig auf, heulte kurz  und machte sich rauschend und wirbelnd auf den Weg zum Mond.

Die Zeit sah ihm noch lange nach."Ich wünsche dir viel Glück, lieber Wind", murmelte sie. "Du kannst es gebrauchen. Wir alle können es jetzt gebrauchen." Ein ganz klein wenig machte sich Angst breit bei der Zeit. Denn auch wenn die oberste Wächterin aller Sternenländer allwissend schien. Sie war es nicht. Ihr Wissen ging zwar weit zurück, es war tief und umfasste alle vergangenen abermillionen Tage und Nächte. Sie wusste auch um Unumgängliches, was sich stets wiederholend ereignen würde. Dennoch konnte sie eines nicht. Die Zukunft so klar sehen, wie sie es sich gerne und vor allem jetzt, in diesem Augenblick, gewünscht hätte.

 

Audioversion

Text/Sprecher - Perdita Klimeck

Musik - "Pompeii" by Josh Woodward - http://www.joshwoodward.com/

 

 

 

Es handelt sich hier um eine unbearbeitete Fassung.

Sofern ich die Zeit aufbringen kann und mir die Ideen nicht ausgehen,

wird aus einem geplanten Märchen ein kleines Büchlein zum Vorlesen für Kinder.

Ihr dürft gespannt sein.