Am Ende der Gasse

 

Am Ende der Gasse

 

Langsam schritt der Mann die Straße entlang. Die Kälte kroch unter seinen Mantel, doch schien er es nicht weiter zu bemerken. Tief atmete er die Luft ein, die ihm sauberer anmutete als sonst. Ein wenig, dachte er, riecht es sogar nach Schnee. Er war dankbar für die Kälte, legte sie sich doch wie ein schützendes Tuch über den Gestank, der sonst über der Gasse hing. Im Sommer war es unerträglich, setzte er sich doch in allen Poren fest. Den anderen Menschen, die hier lebten, schien es nichts auszumachen, doch er hasste diesen widerlichen Geruch, der aus allen Ritzen der Häuser quoll.

Christa, dachte er, wie hältst du es hier nur aus? Er wusste die Antwort, verbat sich aber in diesem Moment daran zu denken. Leider blieb es bei diesem Versuch.

Wenn er an Christa dachte, sah er nicht nur sie, auch zwei Kinderaugen blickten ihn an. Augen die er nie mehr sehen würde. Außer in seinen Träumen. In Christa sah er sie schon lange nicht mehr, obwohl sie die gleichen Augen hatte wie Colin.

Colin, sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ein Jahr ist es nun schon her, doch für ihn war es, als hätte erst gestern die Polizistin an seiner Tür geklingelt.

Mach du auf, hatte Christa gerufen, ich muss noch den letzten Stern am Baum befestigen.

Komisch, ich kann mich nicht mehr erinnern, ob sie es noch getan hat.

Seit diesem Tag war nichts mehr wie vorher. Stumpf liegen seitdem Christas Augen in wundgescheuerten tiefen Höhlen. Nie mehr hatte sie zu ihm gesprochen. Ihn nie mehr berührt. Wie eine leblose starre Puppe saß sie seitdem Tag ein Tag aus auf ihrem Sessel. Aß nur, wenn er sie fütterte, und ließ sich erst ins Bett führen, wenn die nahe Turmuhr Mitternacht schlug. Er hatte seine Arbeit aufgeben müssen, um bei ihr sein zu können. Für seine Trauer blieb nur Platz auf den wenigen einsamen Spaziergängen, die er sich gönnte.

Vor ein paar Monaten waren sie nun hier gelandet. In dieser Gasse, am Rande der Gesellschaft. Christa bemerkte es nicht einmal, dass sie aus dem Haus in der Blue-street ausziehen mussten, weil er die Miete nicht mehr zahlen konnte.

Ich müsste ihr einen Christbaum besorgen, auch wenn ich dafür mein letztes Geld geben müsste. Es ist doch Weihnachten.

Der Gedanke an einen Baum, ließ den Mann ein wenig schneller gehen. Mittlerweile war es dunkel geworden. Gleich ist Ladenschluss, vielleicht  hat der Discounter dort an der Ecke noch einen kleinen Baum für mich, dachte er. Es ist zwar schon Heiligabend, aber ein Baum, klein und krumm und schief, blieb doch immer übrig.

Zwei Mülltonnen standen ihm im Weg und ärgerlich schob er sie beiseite. Arm dachte er, arm heißt doch nicht, dass alles verwahrlosen muss.

Als aus einer der Tonnen ein kläglicher Laut zu hören war, blieb er verwirrt stehen.Neugierig geworden schob er vorsichtig den Deckel beiseite. Sicherlich haben sie wieder versucht ein paar Katzenkinder loszuwerden. Wäre nicht das erste mal, dass er so etwas fand. Das erste was er sah, war eine rote Wolldecke, die sich bewegte. Er hob das Bündel aus der Tonne, schlug die Decke zurück, und hätte es vor Schreck beinahe fallen lassen.

Zwei Händchen streckten sich ihm entgegen und ein weinerlich verzogenes Gesicht lugte aus der Decke hervor. Völlig erstarrt und ungläubig schaute der Mann auf dieses kleine Lebewesen.

Wer um alles in der Welt hatte so etwas getan, fragte er sich, nachdem der erste Schreck überwunden war. Geistesgegenwärtig schob er das Kind unter seinen Mantel, um den kleinen Körper zu wärmen. Dich schickt der Himmel, dachte er. Anders kann es nicht sein. Es muss so sein, Gott hat mich auserwählt, dich zu finden. Beruhigend flüsterte er auf das Kind ein.

Vorsichtig sah er sich um, in der Erwartung, dass gleich jemand hinter ihm schreien würde. Doch die Straße war verlassen, so wie vorhin auch schon. Mechanisch drehte er um und eilte die Gasse entlang. Christa, rief sein Herz, Christa, ich komme nach Hause. Nein, verbesserte er sich rasch, wir kommen nach Hause.

Den Stern, der heimlich am Himmel zwinkerte, sah er in seiner Freude nicht. Doch das störte diesen in keinster Weise. Er blinkte noch ein wenig und zog dann weiterseine heimlichen Bahnen.